
{"id":2048,"date":"2020-03-17T19:52:30","date_gmt":"2020-03-17T18:52:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.paneuropa.at\/?p=2048"},"modified":"2020-03-17T19:52:30","modified_gmt":"2020-03-17T18:52:30","slug":"ein-militaermuseum-polarisiert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pan.thatscommunication.de\/en\/ein-militaermuseum-polarisiert\/","title":{"rendered":"Ein Milit\u00e4rmuseum polarisiert!"},"content":{"rendered":"<p><em>Wer zerst\u00f6rt das HGM? Der launig geschriebene Kommentar in der Ausgabe 1 2020 der Zeitschrift \u201ePaneuropa\u201c hat einigen Wirbel verursacht, und das weit \u00fcber den bekannten Leserkreis der Zeitschrift \u201ePaneuropa\u201c hinaus. Der Gro\u00dfteil der Reaktionen war positiv und ermutigend. Es kamen allerdings auch harte und faktenbefreite Vorw\u00fcrfe aus jenen Kreisen, die offenbar seit einiger Zeit dabei sind, das Heeresgeschichtliche Museum in Wien unter ihre ideologische Kontrolle zu bekommen. \u201ePaneuropa\u201c f\u00fchrte zu den vielen Angriffen auf das Heeresgeschichtliche Museum ein ausf\u00fchrliches Interview mit dessen Direktor Dr. Christian Ortner. Das Interview wurde gemeinsam mit der <a href=\"http:\/\/uewhg.eu\/2020\/03\/20\/ein-militaermuseum-polarisiert\/\">Union der europ\u00e4ischen wehrhistorischen Gruppen<\/a> und dem St. Georgs-Orden gef\u00fchrt.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Paneuropa: Das Heeresgeschichtliche Museum HGM ist wohl ein einzigartiges Museum. Was ist das Besondere an diesem Haus?<\/strong><\/p>\n<p>Christian Ortner: Das Heeresgeschichtliche Museum ist nicht nur der \u00e4lteste regelrechte Museumsbau in Wien, sondern in seiner Gesamtkonzeption beeindruckend, weil in dieser Institution Architektur, Inhalt und museale Bedeutung zu einem einzigartigen Gro\u00dfen verschmelzen. Es ist in seiner Bedeutung auch nicht auf das heutige \u00d6sterreich beschr\u00e4nkt, sondern hat eine starke mitteleurop\u00e4ische, vielleicht sogar europ\u00e4ische Dimension.<\/p>\n<p><strong>Paneuropa: Das Museum hat ja eine besondere Entstehungsgeschichte. Was war der urspr\u00fcngliche Auftrag?<\/strong><\/p>\n<p>Christian Ortner: Das Museum selbst verdankt sein Entstehen einem elementaren Ereignis, n\u00e4mlich den sozialen und nationalen Revolutionen der Jahre 1848\/49. Nach deren Niederschlagung bzw. Beendigung entschied man sich innerhalb der milit\u00e4rischen F\u00fchrung, im Gro\u00dfraum Wien drei gro\u00dfe Kasernenbauten als sogenannte Defensionskasernen zu errichten, um im Falle neuerlicher Unruhen die Stadt kontrollieren zu k\u00f6nnen \u2013 also eine klare antirevolution\u00e4re, vielleicht sogar antidemokratische Bedeutung. Dazu z\u00e4hlen das heutige Amtsgeb\u00e4ude Rossau, die Kaserne Arsenal und die dritte Kaserne existiert heute nicht mehr, diese war \u201eam Hof\u201c errichtet worden. Diese drei Kasernen bilden ein Dreieck, mit dem man \u201edie Stadt immer unter Kontrolle halten konnte\u201c. Der Kaiser selber ordnete f\u00fcr das Arsenal auch einen Kulturbau an, der damals die kaiserliche Waffensammlung aufnehmen sollte. Daraus entstand das sogenannte k.k. Hofwaffenmuseum. Das heutige HGM wurde 1869 erstmals als Waffenmuseum er\u00f6ffnet, nat\u00fcrlich in einem kleineren Rahmen. In den Jahren danach wurden die Sammlungen jedoch teilweise in die heutige Hof-, Jagd- und R\u00fcstkammer, also ins Kunsthistorische Museum \u00fcberf\u00fchrt. Es musste nun ein neues Konzept gefunden werden, welches insbesondere durch Kronprinz Rudolf gef\u00f6rdert wurde, und nun vorsah, ein historisches Milit\u00e4rmuseum zu schaffen. Das war damals revolution\u00e4r. Damit ist das Heeresgeschichtliche Museum das \u00e4lteste historische Milit\u00e4rmuseum der Welt. Es wurde dann 1891 als k.(u.)k. Heeresmuseum neuerlich er\u00f6ffnet. Nach Ende der Monarchie 1918\/1919 bestanden Initiativen, das gesamte Museum als Symbol des k.u.k. Militarismus bzw. Monarchismus zu schlie\u00dfen, sogar niederzurei\u00dfen bzw. in seiner Gesamtheit, also Sammlungen und Geb\u00e4ude, in die USA zu verkaufen. Letztlich waren es aber unter anderem die Veteranen des Ersten Weltkriegs, welche die Frage stellten, wer denn dann ihre eigene Geschichte erz\u00e4hlen w\u00fcrde. Diese \u00dcberlegungen haben sich dann letztlich durchgesetzt.<\/p>\n<p><strong>Paneuropa: Was ist der heutige Auftrag des Museums?<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_2049\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2049\" class=\"wp-image-2049 size-full\" src=\"https:\/\/pan.thatscommunication.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Christian-Ortner_by_Nadja-Meister_IMG_8419-e1584471220343-1.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"667\" srcset=\"https:\/\/pan.thatscommunication.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Christian-Ortner_by_Nadja-Meister_IMG_8419-e1584471220343-1.jpg 1000w, https:\/\/pan.thatscommunication.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Christian-Ortner_by_Nadja-Meister_IMG_8419-e1584471220343-1-300x200.jpg 300w, https:\/\/pan.thatscommunication.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Christian-Ortner_by_Nadja-Meister_IMG_8419-e1584471220343-1-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-2049\" class=\"wp-caption-text\">Dr. Christian Ortner hat das Haus im Jahr 2005, vorerst interimistisch mit der F\u00fchrung betraut, und dann 2007 definitiv \u00fcbernommen. Von rund 58.000 bis 60.000 Besuchern damals ist das HGM jetzt auf rund 287.000 angestiegen, bei den Einnahmen konnte eine Vervierfachung erzielt werden.<\/p><\/div>\n<p>Christian Ortner: Der heutige Auftrag des Museums ist die Darstellung der \u00f6sterreichischen milit\u00e4rischen Geschichte vom ausgehenden 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart, in einem geographisch und auch historisch weiter gefassten Rahmen, mit Abstimmung auf milit\u00e4rtechnische, soziale und gesellschaftliche Entwicklungen bzw. auch auf die politische Geschichte. Das hei\u00dft, Milit\u00e4rgeschichte nicht als reine Operationsgeschichte, sondern eingebettet in einen allgemeinen historischen Strang. Aber als \u201eroter Faden\u201c der Darstellung fungiert die \u00f6sterreichische Milit\u00e4rgeschichte.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-2053 size-full\" src=\"https:\/\/pan.thatscommunication.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/HGM_by_Nadja-Meister_IMG_14432-e1584471626819-1.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"667\" srcset=\"https:\/\/pan.thatscommunication.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/HGM_by_Nadja-Meister_IMG_14432-e1584471626819-1.jpg 1000w, https:\/\/pan.thatscommunication.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/HGM_by_Nadja-Meister_IMG_14432-e1584471626819-1-300x200.jpg 300w, https:\/\/pan.thatscommunication.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/HGM_by_Nadja-Meister_IMG_14432-e1584471626819-1-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/p>\n<p><strong>Paneuropa: Wenn man Kritiker h\u00f6rt, dann hat man den Eindruck, f\u00fcr sie passt ein solches Museum nicht mehr in die heutige Zeit, weil es angeblich den Krieg oder die Waffen verherrlicht. Dabei haben Sie mit dem Slogan \u201eKriege geh\u00f6ren ins Museum\u201c eine recht klare Antwort zu diesem Vorwurf geliefert.<\/strong><\/p>\n<p>Christian Ortner: Wir d\u00fcrfen nicht vergessen, dass milit\u00e4rhistorische Museen oder Heeresmuseen immer polarisieren. Insbesondere im deutschsprachigen Raum. Es geht einfach darum, wie eine Gesellschaft mit der \u201ebewaffneten Macht\u201c umgeht, sowohl in der Gegenwart als auch in der Geschichte. Dementsprechend wird sich jeder unter dem Blickwinkel seiner eigenen, pers\u00f6nlichen Geschichte dieser Materie ann\u00e4hern. Eben deshalb glaube ich, dass man die museale Darstellung der Milit\u00e4rgeschichte nicht ausklammern sollte. Im Gegenteil. Auch wenn die Thematik nat\u00fcrlich polarisiert, hat Milit\u00e4rgeschichte eine wichtige Funktion. In der modernen Gesellschaft vergisst man gerade in Phasen einer langen Friedensperiode, dass sie oftmals aufgrund von kriegerischen bzw. milit\u00e4rischen Entwicklungen entstanden ist. Das Heeresgeschichtliche Museum kann nat\u00fcrlich keinen guten Geschichtsunterricht ersetzen, aber es kann das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die eigene Geschichte begleiten und unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p><strong>Paneuropa: In einer Kultursendung des ORF wurde geradezu vorwurfsvoll in der Einleitung darauf hingewiesen, dass hier die Habsburger-Herrscher und ihre Feldherren noch immer stehen. Was w\u00fcrde vom HGM \u00fcbrig bleiben, w\u00fcrde man diese Zeit weglassen?<\/strong><\/p>\n<p>Ortner: Das HGM stellt derzeit die Milit\u00e4rgeschichte vom ausgehenden 16. Jahrhundert bis 1991 dar, die Geschichte des Bundesheeres der Zweiten Republik wird im Rahmen des Sonderausstellungspavillons gezeigt. Wenn man die Geschichte der Monarchie ausklammern w\u00fcrde, hie\u00dfe es fast 350 Jahre auszuklammern, de facto w\u00e4ren damit rund drei Viertel des Museums nicht mehr vorhanden.<\/p>\n<p><strong>Paneuropa: Das hei\u00dft, man w\u00fcrde einen Teil der Geschichte \u00d6sterreichs unter den Teppich kehren.<\/strong><\/p>\n<p>Christian Ortner: Wir d\u00fcrfen nicht vergessen, dass es sich um eine Gesamtdarstellung von fast f\u00fcnf Jahrhunderten handelt, die Geschichte der Republik umfasst rund 100 Jahre.<\/p>\n<p><strong>Paneuropa: Sie selbst sind Historiker. Vielfach hat man als geschichtlich interessierter Beobachter heute den Eindruck, eine starke Richtung in der Geschichtswissenschaft tendiert dazu, alles Historische aus der heutigen Sicht zu interpretieren und zu bewerten. Ist so etwas zul\u00e4ssig?<\/strong><\/p>\n<p>Christian Ortner: Das ist eine popul\u00e4re Herangehensweise an Geschichte. Auch weil man dazu neigt, aus der Geschichte jene Elemente besonders hervorzuheben, die sich als historische Fundierung f\u00fcr das eigene Weltbild, das eigene Kulturverst\u00e4ndnis, vielleicht auch die eigene Ideologie anbieten. Daraus entstehen dann wenig zweckm\u00e4\u00dfige Bewertungen oder Urteile auf Basis gegenw\u00e4rtiger Wertvorstellungen. Um dies zu verhindern, bedient sich die seri\u00f6se historische Wissenschaft des zeitgen\u00f6ssischen Vergleichs. Das hei\u00dft: Protagonisten und Ereignisse werden in einen internationalen zeitgen\u00f6ssischen Kontext gesetzt und gegen\u00fcbergestellt. Damit wird eine Einsch\u00e4tzung \u201eaus der Zeit\u201c m\u00f6glich. Etwa wenn man sich der Person eines Generalstabschefs ann\u00e4hert, so wird man ihn nicht mit einem heutigen Generalstabchef vergleichen k\u00f6nnen, sondern muss ihn mit seinen damaligen europ\u00e4ischen Pendants vergleichen. Erst dann ist es m\u00f6glich festzustellen, ob es sich um einen besonders martialischen oder einen friedfertigen General gehandelt hat.<\/p>\n<div id=\"attachment_2054\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2054\" class=\"wp-image-2054 size-full\" src=\"https:\/\/pan.thatscommunication.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/HGM_by_Nadja-Meister_IMG_6402-Kopie-e1584471842108-1.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"667\" srcset=\"https:\/\/pan.thatscommunication.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/HGM_by_Nadja-Meister_IMG_6402-Kopie-e1584471842108-1.jpg 1000w, https:\/\/pan.thatscommunication.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/HGM_by_Nadja-Meister_IMG_6402-Kopie-e1584471842108-1-300x200.jpg 300w, https:\/\/pan.thatscommunication.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/HGM_by_Nadja-Meister_IMG_6402-Kopie-e1584471842108-1-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><p id=\"caption-attachment-2054\" class=\"wp-caption-text\">: In einer Kultursendung des ORF wurde geradezu vorwurfsvoll in der Einleitung darauf hingewiesen, dass hier die Habsburger-Herrscher und ihre Feldherren noch immer stehen. Wenn man die Geschichte der Monarchie ausklammern w\u00fcrde, hie\u00dfe es fast 350 Jahre auszuklammern, de facto w\u00e4ren damit rund drei Viertel des Museums nicht mehr vorhanden.<\/p><\/div>\n<p><strong>Paneuropa: Das w\u00fcrde ja auch bedeuten, dass Geschichtswissenschaft zu einem politischen Tendenzbetrieb und damit auch manipulierbar w\u00fcrde.<\/strong><\/p>\n<p>Christian Ortner: Ich glaube, die historische Wahrheit erschlie\u00dft sich dann, wenn es gelingt, m\u00f6glichst viele Perspektiven zu ber\u00fccksichtigen. Das ist manchmal schwierig und nat\u00fcrlich auch aufwendig. Manchmal sind wir versucht, der Einfachheit wegen oder weil es ins eigene Konzept passt, nur eine Perspektive heranzuziehen. Das halte ich f\u00fcr sehr problematisch, denn der Geschichtestudent lernt dies bereits in seiner ersten Einf\u00fchrungsvorlesung an der Universit\u00e4t: mit unseri\u00f6s betriebener Geschichtswissenschaft l\u00e4sst sich viel Missbrauch betreiben.<\/p>\n<p><strong>Paneuropa: Das ist ja auch einer der Vorw\u00fcrfe, die gegen dieses Haus erhoben werden. Die Kritiker meinen dann: Ja, da gibt es eine Ausstellung und da werden Waffen gezeigt und es wird nicht dargestellt, wozu diese Waffen eingesetzt wurden. Muss man heute einem Museumsbesucher tats\u00e4chlich alles in erkl\u00e4rten H\u00e4ppchen vorlegen, oder sollte er nicht in der Lage sein, ein Museum und die Geschichte zu bewerten?<\/strong><\/p>\n<p>Christian Ortner: Ich denke, dass man den klassischen Museumsbesucher nicht als Dummkopf darstellen sollte. In der Regel sind die Besucher sehr reflexionsf\u00e4hig, insbesondere Erwachsene. Bei Jugendlichen ist die Herausforderung nat\u00fcrlich eine andere. Sie kommen jedoch fast immer in Begleitung, meist in Schulgruppen. Sie werden dann in der Regel von hauseigenen Kulturvermittlern begleitet und mit dem historischen Kontext vertraut gemacht werden. Auch hier stellen wir fest, dass die Jugendlichen sich sehr wohl einbringen und auch aktiv bei den einzelnen p\u00e4dagogischen Programmen mitmachen.<\/p>\n<p><strong>Paneuropa: Und nat\u00fcrlich kommt der Vorwurf, dass in so einem Museum nicht nur Panzer gezeigt werden, sondern auch kriegsverherrlichende Bilder, teilweise Devotionalien aus einer totalit\u00e4ren Zeit, wobei es in \u00d6sterreich ja sehr strenge Gesetze gibt. Hat das HGM hier je gegen Gesetze versto\u00dfen?<\/strong><\/p>\n<p>Christian Ortner: Nein, das Heeresgeschichtliche Museum ist nat\u00fcrlich als Dienststelle des Bundesministeriums f\u00fcr Landesverteidigung von bestimmten gesetzlichen Vorgaben ausgenommen, insbesondere was Kriegsmaterial und Waffen betrifft. Auf der anderen Seite glaube ich nicht, dass es sehr sinnvoll ist, Symbole, die f\u00fcr totalit\u00e4re Systeme stehen, auch aus der Ausstellung zu verbannen. Mir scheint es sinnvoller, sie im Museum als Zeugen der Vergangenheit zu zeigen als sie als Schmiererei irgendwo an eine Wand gespr\u00fcht oder auf einem j\u00fcdischen Grabstein zu finden.<\/p>\n<p><strong>Paneuropa: Es gab auch Ausstellungen, wo verschiedene H\u00e4ndler ihre Waren angeboten haben, wo auch wieder der Vorwurf laut wurde, die h\u00e4tten solche Symbole verkauft. Wie gehen Sie bei so etwas vor?<\/strong><\/p>\n<p>Christian Ortner: Es betrifft eine einzige Veranstaltung, wo wir zur Einnahmensteigerung auch Flohmarkth\u00e4ndler zugelassen haben. Es waren alle Standbetreiber angehalten, s\u00e4mtliche gesetzlichen Vorgaben betreffend Waffengesetz, Kriegsmaterialienverordnung beziehungsweise die Bestimmungen hinsichtlich des Umgangs mit Gegenst\u00e4nden aus der Zeit des Nationalsozialismus einzuhalten. Sie haben das auch vertraglich zugesichert. Wir haben dies bei Kontrollg\u00e4ngen mehrmals \u00fcberpr\u00fcft. Es war auch die Exekutive vor Ort und hat kontrolliert. Es gab keinen einzigen Versto\u00df gegen eine dieser Bestimmungen.<\/p>\n<p><strong>Paneuropa: Das h\u00e4tte wohl auch einen riesen Wirbel verursacht.<\/strong><\/p>\n<p>Christian Ortner: Na selbstverst\u00e4ndlich. Wir haben alle Standbetreiber striktest darauf hingewiesen, diese Vorgaben einzuhalten und haben das auch \u00fcberpr\u00fcft. Ob jemand unter der Hand etwas verkauft, kann man nicht kontrollieren, aber es gab keinen gemeldeten Versto\u00df gegen eine der gesetzlichen Bestimmungen.<\/p>\n<p><strong>Paneuropa: Gibt es in den Ausstellungen auch etwas was den Widerstand, insbesondere gegen den Nationalsozialismus, dokumentiert?<\/strong><\/p>\n<p>Christian Ortner: Selbstverst\u00e4ndlich. Wir haben im Saal \u201eRepublik und Diktatur\u201c, der den Zeitabschnitt von 1918 bis 1945 abdeckt, einen eigenen Bereich mit dem Kapitel \u201eWiderstand\u201c. Da geht es vor allem um jene \u00d6sterreicher, die etwa bei den jugoslawischen Tito-Partisanen im Einsatz waren oder in alliierten Armeen gedient haben, wie etwa die Angeh\u00f6rigen des kaum bekannten \u00d6sterreicher-Bataillons der franz\u00f6sischen Armee. Also der Bereich des Widerstandes, vor allem des milit\u00e4rischen Widerstandes \u2013 wir sind ja auch ein heeresgeschichtliches Museum \u2013 ist sehr prominent dargestellt.<\/p>\n<p><strong>Paneuropa: Sie sind seit 15 Jahren Direktor. Wie hat sich das Haus in der Zeit entwickelt?<\/strong><\/p>\n<p>Christian Ortner: Ich habe das Haus im Jahr 2005, vorerst interimistisch mit der F\u00fchrung betraut, und dann 2007 definitiv \u00fcbernommen. Damals befand sich das Haus in einer schweren Krise, da die j\u00e4hrlichen Besucherzahlen rasant, und damit auch die entsprechenden Einnahmen, abgenommen haben. Die Vorgaben des Ressorts an meine Direktion waren dann sehr eindeutig: das Museum wieder auf ein einem Bundesmuseum entsprechendes Niveau zu bringen. Das ist uns dann auch tats\u00e4chlich gelungen. Von rund 58.000 bis 60.000 Besuchern sind wir jetzt auf rund 287.000 angestiegen, bei den Einnahmen haben wir eine Vervierfachung erzielt, und sind damit wieder innerhalb der Wiener Museumslandschaft angekommen. Dar\u00fcber hinaus wurden in dieser Phase entsprechende Ver\u00e4nderungen im Haus selbst vorgenommen. Mit der Steigerung der Einnahmen waren dann auch gr\u00f6\u00dfere Projekte m\u00f6glich. Die Sanierung bzw. Neugestaltung von einzelnen S\u00e4len wurde in Angriff genommen. So etwa wurde der Saal des Ersten Weltkriegs komplett neugestaltet, auch in anderen S\u00e4len gab es Adaptierungsarbeiten, insbesondere was Konservatorik, Beschriftungen und die Beleuchtung betrifft. Gel\u00f6st wurde auch das Problem des Panzergartens. Damals standen die Gefechtsfahrzeuge nicht witterungsgesch\u00fctzt im Freien. Wir konnten nun die Fahrzeuge alle in eine Halle \u00fcberf\u00fchren. Auch haben wir das Desiderat der Darstellung der Geschichte des Bundesheeres der Zweiten Republik durch eine kreative Aktion \u2013 in dem wir einen Ausstellungspavillon errichtet haben \u2013 gel\u00f6st. Es hat sich vieles getan, aber es stehen noch weitere Arbeiten in den S\u00e4len an.<\/p>\n<p><strong>Paneuropa: Noch eine Besonderheit dieses Museums ist, dass es dem Milit\u00e4r, dem Verteidigungsministerium geh\u00f6rt. Was auch wiederum von einigen Leuten kritisiert wird, die meinen, das HGM geh\u00f6rt in eine Art Museumsholding. Was w\u00fcrde sich \u00e4ndern, wenn das Verteidigungsministerium nicht mehr der Eigent\u00fcmer w\u00e4re?<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-2055 size-full\" src=\"https:\/\/pan.thatscommunication.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/HGM_by_Nadja-Meister_IMG_1470-Kopie-e1584472140470-1.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"667\" srcset=\"https:\/\/pan.thatscommunication.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/HGM_by_Nadja-Meister_IMG_1470-Kopie-e1584472140470-1.jpg 1000w, https:\/\/pan.thatscommunication.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/HGM_by_Nadja-Meister_IMG_1470-Kopie-e1584472140470-1-300x200.jpg 300w, https:\/\/pan.thatscommunication.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/HGM_by_Nadja-Meister_IMG_1470-Kopie-e1584472140470-1-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/p>\n<p>Christian Ortner: Die Idee, eine andere Rechtspers\u00f6nlichkeit f\u00fcr das Museum zu finden, entweder durch einen Ressortwechsel oder durch eine \u201ePrivatisierung\u201c, ist bereits Anfang dieses Jahrtausends sehr intensiv gepr\u00fcft worden. Man hat festgestellt, dass einerseits rechtliche Probleme vorliegen \u2013 Bestimmungen wie das Waffengesetz oder die Kriegsmaterialienverordnung \u2013, zweitens die Abst\u00fctzung auf die logistischen Systeme des Bundesheeres wegfallen w\u00fcrde. Wenn man alle durch das Bundesheer erbrachten Leistungen zukaufen m\u00fcsste, w\u00e4re das Museum nach einem oder zwei Quartalen nicht mehr zahlungsf\u00e4hig. Nat\u00fcrlich sind wir sehr stark auf die Infrastruktur des Bundesheeres angewiesen, etwa was Lagerung, Instandsetzung und Restaurierung von Gro\u00dfger\u00e4t betrifft. Das Museum w\u00fcrde ohne die milit\u00e4rische Unterst\u00fctzung teilweise zusammenbrechen. Diese Leistungen, die das Bundesheer unentgeltlich f\u00fcr das Museum erbringt, sind pekuni\u00e4r hoch im sechsstelligen, teilweise sogar im siebenstelligen Bereich anzusiedeln. Im Gegenzug erbringt das HGM wichtige Repr\u00e4sentations- und Bildungsleistungen f\u00fcr die Streitkr\u00e4fte und tr\u00e4gt zum historischen Selbstverst\u00e4ndnis des Bundesheeres bei. Dies sind auch die Gr\u00fcnde, warum im internationalen Vergleich alle staatlichen Heeresmuseen \u2013 mit einer Ausnahme \u2013 den Verteidigungsministerien unterstehen.<\/p>\n<p><strong>Paneuropa: Im Zusammenhang mit den schon genannten Vorw\u00fcrfen, wonach hier eine Plattform geboten w\u00fcrde f\u00fcr sogenannte rechte Kr\u00e4fte, wurde auch die Personalpolitik kritisiert. Ganz direkt gefragt, haben Sie problematische Leute im Haus?<\/strong><\/p>\n<p>Christian Ortner: Nein, s\u00e4mtliche Bediensteten des Heeresgeschichtlichen Museums sind Bedienstete des Verteidigungsministeriums. Diese werden beim Neueintritt sofort einer Verl\u00e4sslichkeitspr\u00fcfung unterzogen. Damit ist auch der Bereich des Extremismus \u00fcberpr\u00fcft. Unter den rund 80 Bediensteten des HGM befinden sich mehr als 20 mit Hochschulabschluss. Wenn sich der eine oder andere in seiner Studentenzeit einer Studentenverbindung angeschlossen hat, oder etwa im Rahmen der \u00d6sterreichischen Hochsch\u00fclerschaft einer politischen Fraktion angeschlossen hat, ist das der Zeit und dem Alter geschuldet. Sie werden aber keine politische Artikulation meiner Bediensteten im Rahmen des Hauses finden. Dementsprechend halte ich diesen Vorwurf f\u00fcr absurd und grotesk.<\/p>\n<p><strong>Paneuropa: D\u00fcrfte sich ein Mitarbeiter des HGM bei einer Partei engagieren?<\/strong><\/p>\n<p>Christian Ortner: Jeder Bedienstete hat selbstverst\u00e4ndlich seine aktiven und passiven Rechte als Staatsb\u00fcrger.<\/p>\n<p><strong>Paneuropa: Ein weiterer Vorwurf geht in die Richtung, dass die hier gezeigten Ausstellungsst\u00fccke betriebsf\u00e4hig sind. Auch in der Asservatenkammer wird beispielsweise darauf geachtet, dass die dort ausgestellten Waffen noch voll betriebsf\u00e4hig sind. Ist es f\u00fcr ein Museum erforderlich, dass die Ausstellungsst\u00fccke betriebsf\u00e4hig sind?<\/strong><\/p>\n<p>Christian Ortner: Die Frage ist, welcher Philosophie man folgt. Ich meine, dass Museumsst\u00fccke authentisch, also unver\u00e4ndert im Originalzustand erhalten werden sollten. Also Waffen sind funktionsf\u00e4hig, denn es geht auch um die Dokumentation der technischen Entwicklung. Ein zweiter Punkt betrifft insbesondere die Fahrzeuge. Jeder, der zu Hause einen Oldtimer besitzt, wird wissen, dass man ein gewisses Ma\u00df an Betriebsmitteln im Fahrzeug belassen muss, um eine Korrosion der technischen Teile zu verhindern. Dass hier im HGM Panzer vollaufgetankt und betriebsbereit stehen w\u00fcrden, ist nat\u00fcrlich nicht richtig: Die Batterien und die Verschl\u00fcsse der Waffen sind ausgebaut. Um diese Fahrzeuge in Betrieb zu nehmen, ben\u00f6tigt es zahlreiche Spezialisten, und zahlreiche Sicherheitsvorkehrungen sind einzuhalten. Der Vorteil der partiellen Betriebsf\u00e4higkeit liegt auch darin, dass man Gefechtsfahrzeuge selbst\u00e4ndig bewegen kann. Wenn man, um ein Beispiel zu nehmen, einen Bergepanzer mit seinen 60 Tonnen um drei Meter verschieben will, ist es nat\u00fcrlich extrem aufwendig, dies mit einer Transport- oder Schleppvorrichtung zu machen.<\/p>\n<p><strong>Paneuropa: In den Medien wurde des \u00f6fteren angesprochen, dass bei einzelnen Ausstellungsobjekten zu wenig kritisch darauf hingewiesen wird, was sie denn bedeuten und wo einst ihre Platzierung war. Ist es Aufgabe eines Museums, diese Kritik zu transportieren?<\/strong><\/p>\n<p>Christian Ortner: Gerade bei Milit\u00e4rmuseen geht jeder Besucher mit seiner eigenen Geschichte, meist famili\u00e4r bedingt, in eine Ausstellung. Das hei\u00dft, der Wissensstand ist divergierend. Wir k\u00f6nnen keinen guten Geschichtsunterricht ersetzen und wir k\u00f6nnen auch nicht das Studium entsprechender Fachliteratur ersetzen. Das entscheidende ist, dass wir eine Kontextualisierung nicht unbedingt immer mit Texten vornehmen m\u00fcssen, sondern auch in dem wir die Objekte zu Ensembles zusammenstellen. Es ist ein oft diskutierter museumsphilosophischer Ansatz, wie sich das Verh\u00e4ltnis von Text zu Objekt gestalten sollte. Es gibt Ausstellungen, die bestehen nur aus Text ohne Originalobjekte, andere wiederum nur aus Originalobjekten. Wenn man Objektgruppen zusammenstellt, in dem man etwa bei einem Kriegsschauplatz die beiden Gegner darstellt, dann ergibt sich bereits ein Kontext.<\/p>\n<p><strong>Paneuropa: Man wird ja durch die Berichte recht rasch eingeordnet: Man sei Monarchist oder Rechter, wenn man in das Museum geht. Das st\u00f6rt mich pers\u00f6nlich. Ich mag nicht in eine Schublade gesteckt werden, wenn ich in ein Museum gehe. Ich habe auch noch nie erlebt, wenn ich ins Naturhistorische Museum gehe, dass jemand sagt, ich gehe der Gesinnung der Steinzeitmenschen nach. Gibt es da Ans\u00e4tze, um diesem Image gegenzusteuern?<\/strong><\/p>\n<p>Christian Ortner: Diesem Image kann man relativ einfach gegensteuern. Erstens ist schon an der Au\u00dfenwand die Inschrift \u201eKriege geh\u00f6ren ins Museum\u201c. Damit ist die pazifistische Einstellung des Museums wohl klar gegeben. Der zweite Punkt ist die Anzahl der Jugend- und Sch\u00fclergruppen, die wir pro Jahr begr\u00fc\u00dfen k\u00f6nnen. Von den rund 2.600 F\u00fchrungen sind rund 1.700 Sch\u00fclergruppen. Diese jetzt alle in einen politisch rechten Kontext zu r\u00fccken, ist vermessen. Wir haben auch rund zwei Drittel ausl\u00e4ndische Besucher. Damit haben wir entsprechend andere Perspektiven. Ich w\u00e4re sehr vorsichtig, diese Besucher einem politisch extremen Lager, egal ob rechts oder links, zuzuordnen. Es sind einfach Interessierte. Hier lohnt vielleicht auch ein Vergleich: Wenn ich mich f\u00fcr Tiere nicht interessiere, werde ich keinen Zoo besuchen; wenn ich mich f\u00fcr Milit\u00e4rgeschichte interessiere, dann gehe ich in ein heeresgeschichtliches Museum, ohne als Extremist gelten zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Paneuropa: Es gibt hier Veranstaltungen wo man sich als Au\u00dfenstehender beteiligen kann. Ich nenne \u201eMontur und Pulverdampf\u201c, wo sich die Traditionsverb\u00e4nde sehr stark involvieren. Jetzt k\u00f6nnte man da auch die Auffassung vertreten, da werde eine bestimmte Zeit verherrlicht, weil sie dargestellt wird, sogar mit einem Lagerleben. Ist das etwas, wo man daran denkt etwas \u00e4ndern?<\/strong><\/p>\n<p>Christian Ortner: Nein. Ich glaube, das ist eine wichtige Veranstaltung. Zum einen ist es ein ganz massiver Besucherwunsch gewesen, dass man Uniformen, Ausr\u00fcstung oder auch die historischen Waffen einmal \u201ein Aktion\u201c sehen oder sogar angreifen kann. Das ist ja bei Museumsobjekten nicht der Fall. Wir achten darauf, dass die Qualit\u00e4t der Pr\u00e4sentationen auch sehr authentisch ist. Es kann nicht jeder, der eine historische Uniform tr\u00e4gt, hier teilnehmen. Die Gruppen sind exakt ausgew\u00e4hlt und auf ihre Authentizit\u00e4t pr\u00e4zise \u00fcberpr\u00fcft. Die Darstellung eines Lagerlebens bereits als dessen Verherrlichung zu sehen, halte ich f\u00fcr vollkommen \u00fcbertrieben und absurd. Auch wenn es nur ein Wochenende ist, luxuri\u00f6s leben die Akteure in ihren Lagern nicht, schon gar nicht, wenn es dann einmal nass und kalt ist.<\/p>\n<p><strong>Wir danken recht herzlich f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/strong><\/p>\n<p>Copyright Bilder: HGM by Nadja Meister<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer zerst\u00f6rt das HGM? 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