
{"id":2101,"date":"2020-04-06T13:18:49","date_gmt":"2020-04-06T11:18:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.paneuropa.at\/?p=2101"},"modified":"2020-04-06T13:18:49","modified_gmt":"2020-04-06T11:18:49","slug":"multiorganversagen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pan.thatscommunication.de\/en\/multiorganversagen\/","title":{"rendered":"Multiorganversagen"},"content":{"rendered":"<p><em>Das Argument der Nationalpolitiker im Zuge der Corona-Pandemie, die EU h\u00e4tte versagt, h\u00e4lt nach einer Enth\u00fcllung des Nachrichtendiensts Reuters nicht. Es gab bereits Ende J\u00e4nner einen Notfallplan, der von nahezu allen Regierungen abgelehnt worden ist. Eine grobe Fahrl\u00e4ssigkeit, sagt Charles Steiner.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Folgendes bildliches Szenario: Dunkle Wolken liegen \u00fcber Europa. Die EU-Kommission sieht sie und warnt die Mitgliedsstaaten, dass es regnen w\u00fcrde und bietet an, die Mitgliedsstaaten koordiniert mit Regenschirmen zu versorgen. Die meisten Nationalregierungen \u2013 unter ihnen \u00d6sterreich \u2013 lehnten ab, man habe genug Regenschirme. Und au\u00dferdem w\u00fcrde der Regen ohnehin weiterziehen. Nur vier befanden die Idee f\u00fcr gut. Eineinhalb Monate sp\u00e4ter regnete es, und zwar heftiger, als man in den Nationalregierungen dachte \u2013 und es gibt auch nicht gen\u00fcgend Regenschirme. Was machen die Nationalregierungen? Sie beklagen sich, dass die EU sie im Regen stehen lassen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die Realit\u00e4t ist weitaus schlimmer. Was \u00fcber Europa hereingebrochen ist, ist kein Unwetter, sondern ein Virus, das bereits Tausende dahingerafft hat. Und es waren auch keine Regenschirme, die die EU-Kommission Ende J\u00e4nner angeboten hatte, sondern Testkits, Masken, Schutzausr\u00fcstungen. Dinge, die man jetzt bitter notwendig hat, vor allem in Italien, Frankreich und Spanien, wo die Menschen eben zu Tausenden elendiglich krepieren. L\u00e4ngst haben die Toten keine Namen mehr, \u00c4rzte und Pfleger arbeiten ununterbrochen, k\u00f6nnen das Sterben aber nicht verhindern. Eilig versuchten die Nationalregierungen Mitte M\u00e4rz die Schotten dicht zu machen, freilich ohne Koordination. Medizinisches Material muss teuer auf dem Weltmarkt gekauft werden, wenn man denn welches kriegt, nachdem die USA bereits mit Koffern voller Geld dieses Material noch vom Rollfeld aus abfangen. Doch anstatt, dass die Nationalregierungen selbst die Verantwortungen f\u00fcr ihr Versagen \u00fcbernehmen, w\u00e4lzt man die Schuld lieber an die EU ab. Wir mussten \u00fcber die Nachrichtenagentur Reuters erfahren, die entsprechende Sitzungsprotokolle aus Br\u00fcssel ver\u00f6ffentlicht hat, dass das schlicht und einfach nicht stimmt.<\/p>\n<h5>In den Wind geschlagen<\/h5>\n<p>Ein Beispiel unter vielen ist \u00d6sterreich. Medienwirksam beklagt Kanzler Sebastian Kurz, dass es nicht sein k\u00f6nne, dass man zwei Wochen auf sich allein k\u00e4mpfen m\u00fcsse und sich die EU diese Kritik nach der Krise gefallen lassen m\u00fcsse. Doch das ist, wie wir durch Reuters erfahren mussten, nicht die Wahrheit. Die Wahrheit ist vielmehr: Bei dieser Krise handelt es sich um ein Multiorganversagen und auch die \u00f6sterreichische Regierung unter dem fast schon messianisch auftretenden Kanzler, ist Teil dieses Versagens. W\u00e4hrend Ende Februar das Coronavirus in Norditalien bereits heftig zu toben angefangen hatte, schien in \u00d6sterreich alles eitel Wonne. Die Skilifte brachten tausende Touristen auf die Tiroler Berge, in den T\u00e4lern feierte man in Apres-Ski-H\u00fctten sein Dasein. Obwohl bereits Anfang M\u00e4rz Corona-F\u00e4lle in Tirol aufgetaucht waren, schlug man die Warnungen in den Wind. Ebenso, als bereits Dutzende Corona-F\u00e4lle bei Tirol-Urlaubern in Island und Norwegen registriert worden waren, hie\u00df es, die h\u00e4tten sich im Flugzeug angesteckt. Es hat wertvolle zwei Wochen gedauert, bis unsere Regierung reagiert hatte \u2013 und das auch nur, weil Norwegen Alarm bei der Europ\u00e4ischen Gesundheitsbeh\u00f6rde geschlagen hatte und Island bereits Reisewarnungen ausgesprochen hatte. Bis dahin konnte sich der Virus ungehemmt weiterverbreiten. Jetzt ist daf\u00fcr das \u00f6ffentliche Leben in \u00d6sterreich \u2013 wie in ganz Europa \u2013 komplett zum Erliegen gekommen, der wirtschaftliche Schaden betr\u00e4gt jetzt Zig-Milliarden und in \u00d6sterreich ist die Arbeitslosenquote mittlerweile h\u00f6her als zuletzt 1946.<\/p>\n<h5>Gravierende Fehler<\/h5>\n<p>Man h\u00e4tte meinen k\u00f6nnen, aus Schaden wird man klug. Doch \u00d6sterreich hat gleich weitere gravierende Fehler begangen. Zun\u00e4chst wurde das Epidemiegesetz von 1950 eiligst durch das Covid-19-Gesetz ersetzt, wohl mit dem Hintergedanken, nicht allen Unternehmen, die dadurch in \u00e4rgste Bedr\u00e4ngnis gekommen sind, den Schaden ersetzen zu m\u00fcssen. Daf\u00fcr wurde ein Hilfsfonds aufgelegt, der \u00fcber die Wirtschaftskammer abgewickelt wird, was von zahlreichen Rechtsexperten als verfassungswidrig angesehen wird. Hauptsache, man kann damit prahlen, wieviele Milliarden f\u00fcr die darbende Wirtschaft kurzfristig lockergemacht werden k\u00f6nnten \u2013 ohne nat\u00fcrlich zu verraten, wer sie denn bezahlen m\u00fcsse. Gemeinsames Vorgehen mit den anderen europ\u00e4ischen Partnern? Nein. Die sogenannten \u201eCorona-Bonds\u201c werden explizit abgelehnt, eine Alternative nur \u00fcber den ESM angeboten. F\u00fcr Italien und Spanien, die ohnehin schon wirtschaftlich zuvor in gr\u00f6bere Turbulenzen geraten sind, ein Dolchsto\u00df. Und ein Bumerang, der uns letztendlich auch treffen wird. Ein Land, dessen Wirtschaft zu gr\u00f6\u00dftem Teil aus dem Dienstleistungssektor besteht und dessen Exportg\u00fcter beschr\u00e4nkt sind, wird sich mit diesem Alleingang ins eigene Fleisch schneiden. Man mag \u00fcber F\u00fcr und Wider dieses Anleiheprogramms zwar streiten, der ESM scheint allerdings nicht das passende Mittel f\u00fcr die Krise zu sein, nachdem dieser lediglich bei einzelnen L\u00e4ndern bisher zu tragen gekommen ist, nicht f\u00fcr die gesamte Union selbst. Denn ob im Angesicht dieser Krise ein Stabilit\u00e4tsmechanismus, der eigentlich den Schutz des Euro vor Schwankungen durch haushaltsmarode Staaten als vorrangiges Ziel hat, greifen kann, wird von zahlreichen \u00d6konomen bestritten. Vor allem deshalb, weil die globalen Finanzm\u00e4rkte eingebrochen sind.<\/p>\n<h5>Grauzonen<\/h5>\n<p>Generell werden Gesetze, Erl\u00e4sse und Verordnungen im Tagesrhythmus verabschiedet, die nicht nur zum Teil der \u00f6sterreichischen Verfassung widersprechen, sondern mehr rechtliche Grauzonen aufrei\u00dfen als sie zu schlie\u00dfen gedenken. Es mag f\u00fcr so manchen Wohnungsmieter super klingen, wenn unsere Justizministerin Alma Zadic erkl\u00e4rt, Mieten f\u00fcr in Zahlungsschwierigkeiten geratene Mieter w\u00fcrden gestundet werden. Allerdings nur bis Dezember und das mit Verzugszinsen. Wenn das allerdings auf die steigende Arbeitslosenrate und fehlende Einnahmen trifft, ist das nur eine Verlagerung des Problems, das f\u00fcr die Betroffenen mit Jahresende mit voller Wucht auf sie treffen wird. Jede Menge Mietschulden samt Zinsen und keine M\u00f6glichkeit, sie jemals abzubezahlen. Auf die Idee einer Subjektf\u00f6rderung f\u00fcr diese Menschen kommt man nat\u00fcrlich nicht. Allein das wird noch zu einem b\u00f6sen Erwachen f\u00fchren, wenn die Pandemie einged\u00e4mmt ist.<\/p>\n<p>Doch nicht nur das: Mittlerweile greift die Regierung noch weiter in die Pers\u00f6nlichkeitsrechte ein, sei es durch eine verpflichtende App oder Auswertung von Handydaten. Es ist fraglich ob der fehlenden Rechtspflege, die durch den Lockdown der Gerichte resultiert, dass diese Ma\u00dfnahmen auch zur\u00fcckgenommen werden. Zu verlockend ist die M\u00f6glichkeit zur totalen Kontrolle und totalen Macht. Das Gros der Bev\u00f6lkerung wird jetzt noch \u00fcber die Ma\u00dfnahmen klatschen, doch je l\u00e4nger diese Krise dauert und je mehr Menschen arbeitslos werden und je mehr sich der Unmut \u00fcber die Situation regt, desto eher wird der Beifall verstummen. Was \u00fcbrig bleibt, sind dann immer noch \u00dcberwachungsma\u00dfnahmen, allen Beschwichtigungsversuchen zum Trotz.<\/p>\n<p>Dass man damit wom\u00f6glich \u00fcber das eigene Versagen Ende J\u00e4nner mit dem Ablehnen eines koordinierten Vorgehens zur Beschaffung von medizinischem Material hinwegt\u00e4uschen m\u00f6chte, hat anscheinend noch niemand erkannt oder erkennen wollen. F\u00fcr die Europ\u00e4ische Idee ist das jetzt bereits mehr als fatal, vor allem, wenn der Kanzler die Verantwortung \u2013 wie immer, wenn es um populistische Ma\u00dfnahmen geht \u2013 an die EU abw\u00e4lzt, die ohne Legitimation durch die Nationalstaaten gar nicht t\u00e4tig werden kann. Es h\u00e4tte die Krise wesentlich anders ausgesehen, wenn die Nationalregierungen Ende J\u00e4nner die Warnungen nicht in den Wind geschlagen h\u00e4tten und man das Problem gemeinsam angegangen w\u00e4re. Es war nicht die EU, die uns im Regen stehen hat lassen, es waren die Nationalregierungen, die nicht nur die europ\u00e4ische Idee im Stich gelassen haben, sondern uns alle, jeden einzelnen, der in Europa lebt und arbeitet.<\/p>\n<p>Die einzige Hoffnung ob der grob fahrl\u00e4ssigen Gef\u00e4hrdung der Allgemeinheit bleibt, dass das nach Abklingen der Pandemie schonungslos juristisch genau aufgekl\u00e4rt wird. Nun gilt es, als aufrechter Staatsb\u00fcrger noch wachsamer als bisher zu sein. Sonst finden wir uns in einem System wieder, das wir eigentlich gar nicht gewollt haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Argument der Nationalpolitiker im Zuge der Corona-Pandemie, die EU h\u00e4tte versagt, h\u00e4lt nach einer Enth\u00fcllung des Nachrichtendiensts Reuters nicht. 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