
{"id":927,"date":"2017-10-02T23:34:55","date_gmt":"2017-10-02T21:34:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.paneuropa.at\/?p=927"},"modified":"2017-10-02T23:34:55","modified_gmt":"2017-10-02T21:34:55","slug":"wieso-verstehen-wir-osteuropa-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pan.thatscommunication.de\/en\/wieso-verstehen-wir-osteuropa-nicht\/","title":{"rendered":"Wieso verstehen wir Osteuropa nicht?"},"content":{"rendered":"<p><em>Wie Geschichtsvergessenheit den Blick auf die echten Bed\u00fcrfnisse unserer osteurop\u00e4ischen Nachbarn tr\u00fcbt \u2013 und wieso unsere Priorit\u00e4ten falsch gesetzt sind. Ein Kommentar von Stefan Hab\u00f6ck, Internationaler Referent der <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/paneuropabewegung\/\" target=\"_blank\">Paneuropa Bewegung \u00d6sterreich<\/a>.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Viel kann man tagt\u00e4glich \u00fcber Peinlichkeiten des US-amerikanischen Pr\u00e4sidenten lesen. Manches ist Politik, manches nur Klatsch. Soweit so bekannt. Man hat sich schon daran gew\u00f6hnt, dass Trump aktuell der gr\u00f6\u00dfte Medienstar ist. Und nicht nur er.<\/p>\n<h5><strong>Viel Washington, kaum Moskau, nichts aus Sofia<\/strong><\/h5>\n<p>Man h\u00f6rt tagt\u00e4glich mehr \u201eNachrichten\u201c \u00fcber ihn, seine Familie, seine Berater oder irgendwelche Lokalpolitiker in Illionois die etwas gegen Trump sagen, als die gesamte seri\u00f6se EU-Berichterstattung zusammen. Vor Kurzem fanden sich auf der Startseite von orf.at unter \u201eAusland\u201c sieben Berichte \u2013 f\u00fcnf davon zu USA und Trump.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/pan.thatscommunication.de\/medien-schaut-mehr-nach-europa-europareport-statt-tatort\/\" target=\"_blank\">Paneuropa hat schon zu fr\u00fcheren Zeitpunkten kritisiert<\/a>, dass in der heimischen Berichterstattung Ost \u2013 und S\u00fcdosteuropa so gut wie nicht vorkommt. Finden Wahlen statt (zum Beispiel im EU-Land Bulgarien), wird das mit einer kurzen Nachricht abgetan. Hintergr\u00fcnde, Analysen oder \u00e4hnliches \u2013 Fehlanzeige. Klar, die USA haben nat\u00fcrlich eine weltpolitische Bedeutung, die von kaum einem anderen Staat getoppt werden kann. Ob das eine st\u00e4ndige Berichterstattung \u00fcber rein inneramerikanische Angelegenheiten rechtfertigt sei dahingestellt.<\/p>\n<p>Nur an der Gr\u00f6\u00dfe und Bedeutung des Landes alleine kann es nicht liegen. Denn auch Russland, Atommacht mit rund 170 Millionen Einwohnern und einer Exklave in Europa, ist in der tagesaktuellen Berichterstattung de facto inexistent.<\/p>\n<p>Innenpolitische Meldungen aus dem gr\u00f6\u00dften Land der Erde? Fehlanzeige. Wer ist der Sprecher von Pr\u00e4sident Putin? Niemand kennt ihn. Der lustigere Pr\u00e4sidentensprecher war ja doch der in Washington. Wie ist eigentlich die Russische F\u00f6deration aufgebaut? 20% der Bev\u00f6lkerung muslimisch \u2013 im Land, das gerne als Rettung des christlichen Abendlandes gesehen wird? Welchen Einfluss hat ein Kadyrow? Wer wei\u00df. Was wir wissen ist, was Hollywoodschauspieler so \u00fcber den US-Pr\u00e4sidenten denken. Relevanz f\u00fcr Europa? Wie soll man bitte L\u00e4nder verstehen, \u00fcber die man so gar nichts erf\u00e4hrt.<\/p>\n<h5><strong>Verstehen wir den Osten \u00fcberhaupt?<\/strong><\/h5>\n<p>Russlandversteher \u2013 ein Wort, das meist f\u00fcr heimische Propagandisten der dortigen Regierung gebraucht wird. Was den Sinn hinter \u201eRussland verstehen\u201c v\u00f6llig verkehrt. Denn nat\u00fcrlich muss man, um aktuelle politische Lagen und zuk\u00fcnftige Entwicklungen sehen und analysieren zu k\u00f6nnen, das jeweilige Land, die Menschen, die Traditionen und die Sorgen verstehen, egal ob man sie teilt oder nicht. So etwas nennt sich Geostrategie. Analysieren der Lage und Strategien daraus ableiten. Etwas, was Europa verlernt hat \u2013 was aber die Gro\u00dfm\u00e4chte dieser Welt beinhart Tag f\u00fcr Tag machen und durchsetzen.<\/p>\n<p>Viel Unverst\u00e4ndnis und fehlende Berichterstattung leitet sich sicher auch vom tats\u00e4chlichen Nicht-verstehen her \u2013 n\u00e4mlich der Unkenntnis der Sprache, der Schrift und der Alltagskultur. Klar, mit Grundschulenglisch kann man Pr\u00e4sident Trump durchaus folgen. Wer mit den Simpsons aufgewachsen ist, kennt die Satire auf das politische System in- und auswendig. US-Krankenversicherung? Da kann Europa mitreden.<\/p>\n<p>Doch die Thematik geht tiefer. Es ist ein grunds\u00e4tzliches Nicht-verstehen von Osteuropa. Der Sorgen, Hoffnungen und Geschichte der V\u00f6lker dort.<\/p>\n<h5><strong>Der unheilvolle Pakt \u2013 ein wiederkehrendes Trauma<\/strong><\/h5>\n<p>Am 24. August j\u00e4hrte sich zum 78. Mal ein Ereignis, das mitverantwortlich war f\u00fcr den brutalen Fl\u00e4chenbrand namens Zweiter Weltkrieg. Und das bis heute tief in der DNA unserer Nachbarn in Osteuropa drinnen steckt.<\/p>\n<p>Am 24. August 1939 unterzeichneten der deutsche Au\u00dfenminister von Ribbentrop und der sowjetische Volkskommissar Molotow (in Anwesenheit von Diktator Stalin) den \u201edeutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt\u201c \u2013 bekannt als Molotow-Ribbentrop-Pakt oder eben Hitler-Stalin-Pakt. Am 1. September marschierte die Wehrmacht in Polen ein. Kurze Zeit sp\u00e4ter kam die Rote Armee.<\/p>\n<p>Die wiederholte Besetzung Polens durch die das Land umgebenden Gro\u00dfm\u00e4chte. Wir sollten verstehen wieso Polen und Balten zusammenzucken, wenn wieder mal diverse Politiker davon sprechen, dass Deutschland und Russland nat\u00fcrliche Nachbarn seien.<\/p>\n<p>Niemand w\u00fcrde auf die Idee kommen, L\u00e4nder der ehemaligen Donaumonarchie m\u00fcssten Wien bei irgendetwas um Erlaubnis fragen. Bei den ehemaligen L\u00e4ndern der Sowjetunion nimmt man das aber selbstverst\u00e4ndlich an. Warum? Nationalisten und viele Sozialisten, leider auch manch Konservative und Liberale, sprechen osteurop\u00e4ischen V\u00f6lkern die Freiheit und Selbstbestimmung ab. Moskau sei zu fragen. So lange kann ein Land in Osteuropa gar nicht unabh\u00e4ngig sein, dass \u201ewir\u201c ihm endlich mal auch volle Souver\u00e4nit\u00e4t zugestehen w\u00fcrden.<\/p>\n<h5><strong>Ein Konflikt in Europa bahnt sich an<\/strong><\/h5>\n<p>In der Europ\u00e4ischen Union g\u00e4rt es. Nachdem der \u201eNord-S\u00fcd-Konflikt\u201c um Finanzhilfen f\u00fcr Griechenland etwas aus dem Blickfeld ger\u00fcckt und durch die Fl\u00fcchtlingsdebatte ersetzt wurde, ist gerade ein West-Ost-Konflikt im Gange, den man nicht untersch\u00e4tzen sollte.<\/p>\n<p>Osteuropa ist ein Begriff, der oft verwendet wird f\u00fcr die L\u00e4nder, die sich \u00f6stlich des Eisernen Vorhanges befanden. Auch hier soll dieser Begriff, der f\u00fcr mich keinerlei negativen Bezug hat, verwendet werden, auch wenn Prag ja nicht \u00f6stlich von Wien liegt.<\/p>\n<p>Man muss da gar nicht so sehr in die Tagespolitik und die Ausritte einzelner semi-autorit\u00e4rer Nationalpolitiker hinabsteigen, die Br\u00fcssel als Ziel auserkoren haben. Dieses Ziel wird von fast allen nationalen Politikern, egal ob Ost oder West, gerne hergenommen.<\/p>\n<h5><strong>In \u201eOst\u201c und \u201eWest\u201c steigt das Unverst\u00e4ndnis \u2013 f\u00fcr einander<\/strong><\/h5>\n<p>W\u00e4hrend sich westeurop\u00e4ische Staaten \u00fcber fehlende Solidarit\u00e4t der osteurop\u00e4ischen EU-Partner, vor allem in der Frage der Fl\u00fcchtlingsverteilung, beschweren, steigt in Osteuropa das Misstrauen gegen\u00fcber den westlichen EU-Mitgliedern. Der Konflikt manifestiert sich in den Gegenstimmen und der geplanten Klage durch vier Mitgliedsstaaten bei den Fl\u00fcchtlingsverteilungsquoten und beim Thema \u201eschlechtere Lebensmittelqualit\u00e4t f\u00fcr \u00f6stliche L\u00e4nder\u201c.<\/p>\n<p>F\u00fcr viele gelten die osteurop\u00e4ischen V\u00f6lker noch als r\u00fcckst\u00e4ndiger, nicht \u201ereif f\u00fcr die westliche<\/p>\n<div id=\"attachment_929\" style=\"width: 301px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-929\" class=\"size-medium wp-image-929\" src=\"https:\/\/pan.thatscommunication.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Cold_war_europe_military_alliances_map_de-291x300.png\" alt=\"Der Eiserne Vorhang spaltete Europa jahrzehntelang. Bis heute wirkt er unbewusst in vielen K\u00f6pfen fort. Quelle: eigene Karte, basierend auf den Generic Mapping Tools und ETOPO2 , Autor: San Jose, 7. Oktober 2006\" width=\"291\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-929\" class=\"wp-caption-text\">Der Eiserne Vorhang spaltete Europa jahrzehntelang. Bis heute wirkt er unbewusst in vielen K\u00f6pfen fort.<br \/>Quelle: eigene Karte, basierend auf den Generic Mapping Tools und ETOPO2 ,<br \/>Autor: San Jose, 7. Oktober 2006<\/p><\/div>\n<p>Demokratie\u201c. Bewiesen werden soll diese These durch den Hinweis auf dubiose, nationalistische Regierungen. Das \u201eOst-Bashing\u201c nach der Bundestagswahl spricht f\u00fcr sich. Und ignoriert, dass im wohlhabenden, bayerischen Ingolstadt (Arbeitslosigkeit 2,3%) die AfD zwischen 13% (Erststimmen) und 15% (Zweitstimmen) erreichte.<\/p>\n<p>Und ja, in Rum\u00e4nien zieht eine Clique rund um den Sozialistenchef Dragnea die F\u00e4den und in Polen betreibt eine nationalistische Regierung den Ausstieg Polens aus dem westlichen Rechtsstaat vor.<\/p>\n<p>Was beweist dies? Nichts. In Griechenland ist eine kommunistisch-nationalistische Regierung an der Macht, in Deutschland stehen Nachfolger des SED-Regimes an der Spitze von Bundesl\u00e4ndern. Marine Le Pen wurde zwar nicht Staatspr\u00e4sidentin, aber immerhin rund 41% w\u00e4hlten im ersten Durchgang den rechtsextremen Front National bzw. den linksextremen Kandidaten Melenchon.<\/p>\n<p>In Gro\u00dfbritannien irrlichterte eine UKIP umher und es f\u00fchrte eine demokratisch legitimierte Parlamentsmehrheit das Land in das Brexit-Chaos. Niemand w\u00fcrde davon sprechen, dass die Franzosen, Briten oder Deutschen unreif f\u00fcr Demokratien w\u00e4ren.<\/p>\n<h5><strong>Transformationsl\u00e4nder brauchen Unterst\u00fctzung, nicht Tadel<\/strong><\/h5>\n<p>Ja, manche L\u00e4nder in Osteuropa haben Probleme. Und? Es sind Transformationsl\u00e4nder. Manche mehr, manche weniger. W\u00e4hrend die Tschechische Republik Wirtschaftswachstum, niedrige Arbeitslosenzahlen und Haushalts\u00fcberschuss aufweist, versucht in Rum\u00e4nien eine Regierung die Korruptionsgesetze zu erleichtern \u2013 um die Parteifreunde zu sch\u00fctzen. Transformationsl\u00e4ndern liegt es zugrunde, dass es Herausforderungen gibt, vor allem im Bereich Rechtsstaatlichkeit und Korruption. Hier helfen weder erhobener Zeigefinger noch Drohungen \u2013 sondern nur klare Unterst\u00fctzung f\u00fcr alle, die gegen Korruption und den Verfall von Rechtsstaatlichkeit ank\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Jedes Jahr stehen die Rum\u00e4nen auf der Stra\u00dfe. Zuletzt gegen die Sozialisten Ponta und Grindeanu (dies sei erw\u00e4hnt, Osteuropa wird bei uns meist\u00a0nur mit rechtsnationalistischen Regierungen in Verbindung gebracht).<\/p>\n<h5><strong>Der Wunsch nach Freiheit, W\u00fcrde und Unabh\u00e4ngigkeit<\/strong><\/h5>\n<p>Rund 26 Jahre ist es her, dass diese L\u00e4nder die Last des realen Sozialismus abstreiften. Jedes dieser L\u00e4nder war nach Jahrzehnten Sozialismus ruiniert. Die Wirtschaft lag darnieder. Korruption kennzeichneten die \u00f6ffentlichen Institutionen. Wem konnte man vertrauen nach Jahrzehnten des Spitzelunwesens und der Schl\u00e4gertrupps der Regierungen a la Securitate und Co.?<\/p>\n<p>Und dennoch k\u00e4mpften die Menschen hinter dem Eisernen Vorhang \u2013 f\u00fcr die Freiheit. Der unb\u00e4ndige Wunsch, nicht mehr Vasallen oder Untertanen von Autokraten sein zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Und jedes Mal, wenn der Wunsch nach Freiheit gr\u00f6\u00dfer wurde, schickten die Machthaber Panzer. Vilniuser Blutsonntag. Prager Fr\u00fchling. Um nur zwei Beispiele zu nennen.<\/p>\n<p>Tausende Menschen starben f\u00fcr die Freiheit. Und letztendlich obsiegten sie doch. Der Fall der Berliner Mauer, das Durchschneiden des Zaunes zu Ungarn, der Sturz der Ceausescus.<\/p>\n<p>Die Freiheit, die diese V\u00f6lker um 1990 herum erreichten, wird ihnen aber nicht immer voll zugestanden. Selbstbestimmungsrecht der V\u00f6lker? Gilt nur solange, bis diese V\u00f6lker freiwillig der NATO beitreten wollen. Selbstverst\u00e4ndlich darf \u00d6sterreich gegen eine selbst mitbeschlossene Lebensmittelverordnung wettern \u2013 aber, dass eine osteurop\u00e4ische Regierung, die ihren B\u00fcrgern extrem starke Reformauflagen aufb\u00fcrdet eine andere Meinung bei der Fl\u00fcchtlingsverteilung vertritt, das gilt als unsolidarisch.<\/p>\n<h5><strong>Sicherheit \u2013 ein Grundbed\u00fcrfnis, das in der Politik stark pr\u00e4sent ist<\/strong><\/h5>\n<p>Vielleicht ist uns im \u201eWesten\u201c nicht genug bewusst, dass viele \u2013 man soll ja nie pauschalisieren \u2013 Menschen im \u00f6stlichen Europa andere akute Bed\u00fcrfnisse haben als im Rest Europas. Anti-Korruption ist vor allem in Rum\u00e4nien ein tagt\u00e4gliches Thema, dem sich die Bev\u00f6lkerung auch mutig stellt.<\/p>\n<p>Aufbau eines leistungsf\u00e4higen (Sozial)Staates ist in L\u00e4ndern, wo die Durchschnittspension 90\u20ac<\/p>\n<div id=\"attachment_930\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-930\" class=\"size-medium wp-image-930\" src=\"https:\/\/pan.thatscommunication.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/VorhangHorn-300x214.jpg\" alt=\"Alois Mock: Einer der letzten Spitzenpolitiker westlich des Eisernen Vorhanges, dem (zurecht) ein tieferes Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Osteuropa attestiert wurde. Quelle: http:\/\/www.alois-mock-europastiftung.at\/\" width=\"300\" height=\"214\" \/><p id=\"caption-attachment-930\" class=\"wp-caption-text\">Alois Mock: Einer der letzten Spitzenpolitiker westlich des Eisernen Vorhanges, dem (zurecht) ein tieferes Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Osteuropa attestiert wurde.<br \/>Quelle: http:\/\/www.alois-mock-europastiftung.at\/<\/p><\/div>\n<p>betr\u00e4gt, ebenfalls ein Thema. Durchsetzung von Rechtsstaatlichkeit in L\u00e4ndern, in denen noch Richter aus der kommunistischen \u00c4ra t\u00e4tig sind. Und nicht zu vergessen: das Sozialsystem. Es ist klar, dass Regierungen von Staaten, in denen das Durchschnittsgehalt rund 200 \u2013 300\u20ac betr\u00e4gt, sagen, man k\u00f6nne das eigene Sozialsystem nicht zu stark belasten.<\/p>\n<p>Und dann w\u00e4re da noch das Thema Sicherheit \u2013 das Bed\u00fcrfnis, das in Osteuropa aufgrund der vielen Erlebnisse den h\u00f6chsten Stand hat. Und das in \u00d6sterreich, das Land, das sich mit Neutralit\u00e4t und umgeben von NATO-Staaten an jeder sicherheitspolitischen Positionierung vorbeischummelte, viel zu wenig respektiert wird.<\/p>\n<p>Das st\u00e4ndige Reden von \u201elegitimen Interessenssph\u00e4ren&#8221; \u2013 das alles l\u00e4sst im Baltikum und Osteuropa die Alarmglocken schrillen. Und w\u00e4hrend alle Welt auf Trumps Eskapaden (Ablenkungen?) blickt, f\u00fchlen sich die Osteurop\u00e4er wieder in ihrer Freiheit und Unabh\u00e4ngigkeit bedroht.<\/p>\n<h5><strong>Fremdherrschaft. Teilung. Spielball der Gro\u00dfm\u00e4chte \u2013 die Angst speist sich aus der Geschichte<\/strong><\/h5>\n<p>Am 24. August 1939 unterzeichneten das faschistische nationalsozialistische Regime Hitlers und das kommunistische Regime Stalins den \u201edeutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt\u201c. Dieser Pakt regelte alles, was den L\u00e4ndern Osteuropas heute wieder die schlimmsten Zeiten in Erinnerung ruft. Umschrieben mit \u201eNeutralit\u00e4t\u201c und \u201eWiedergewinnung verlorener Territorien\u201c teilten sich die beiden brutalsten Herrschaftssysteme die Europa je erlebt hat, Land und Menschen auf. Polen, Baltikum, Ukraine, Wei\u00dfrussland \u2013 Spielball der Gro\u00dfm\u00e4chte.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens: \u201eNeutralit\u00e4t\u201c und \u201eWiedergewinnung\u201c \u2013 beide Worte h\u00f6rt man heute oft im Zusammenhang mit der Krim-Annexion. Warum man die Geschichte der Krim just mit der Herrschaft des Zarenreiches beginnt und nicht mit der osmanischen Herrschaft wird wohl ein ewiges R\u00e4tsel bleiben. Dass die Vertreibung und Ermordung der Krim-Tataren kaum in Politikerreden Eingang findet ist fahrl\u00e4ssig.<\/p>\n<p>Hunderte Millionen Tote sp\u00e4ter, erk\u00e4mpften sich die mutigen Menschen in den geteilten, besetzten, annektierten und ausgeraubten L\u00e4ndern ihre Freiheit \u2013 und ihre W\u00fcrde. Und, sie k\u00e4mpften sich nach Europa. Osteuropa geh\u00f6rt zu Europa, so wie der Westen, Norden und S\u00fcden.<\/p>\n<p>Wenn so fundamentale geschichtliche Ereignisse wie der Molotow-Ribbentrop-Pakt heutzutage keinerlei mediale Aufmerksamkeit erh\u00e4lt, erlischt eventuell auch das Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, was die Menschen im Osten jahrzehntelang \u00fcber sich ergehen lassen mussten. Als in Deutschland das Wirtschaftswunder anbrach, fuhren im Osten die Panzer auf.<\/p>\n<h5><strong>Sind unsere Priorit\u00e4ten in der politischen und medialen Debatte richtig geordnet?<\/strong><\/h5>\n<p>Vielleicht sollten wir alle wieder unsere Priorit\u00e4ten analysieren. 4 400 Newsmeldungen zu \u201eMolotow Ribbentrop Pakt\u201c auf google.at (davon mehrere vom Kreml-finanzierten Sender Sputnik) stehen knapp 7 Millionen Treffer zu \u201eScaramucci\u201c gegen\u00fcber. Einem Mann, der genau zehn Tage eine Anstellung in einer US-Regierungsbeh\u00f6rde hatte.<\/p>\n<p>Keinem Staat innerhalb der EU steht es zu, moralisch den Zeigefinger gegen\u00fcber anderen zu erheben. Und schon gar nicht sollten wir dies tun bei L\u00e4ndern, die aus den Ruinen des Sozialismus auferstanden sind. Politische Meinungsverschiedenheiten wird es immer geben \u2013 und ja, auch ich sorge mich massiv um die Rechtsstaatlichkeit in manchen osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern.<\/p>\n<h5><strong>Europa ist der Schl\u00fcssel zu gleichberechtigten europ\u00e4ischen L\u00e4ndern<\/strong><\/h5>\n<p>Aber: Was Europa geschafft hat ist, einen gemeinsamen Rahmen zu finden, in dem man sich bewegen kann. Gemeinsam legt man in Br\u00fcssel die Bedingungen fest, gemeinsam bekannte man sich zu den Grundfreiheiten. In Br\u00fcssel gilt de iure Polen gleich viel wie Frankreich, Ungarn wie Spanien. Erst wenn nationale \u00dcberheblichkeit ins Spiel kommt, wankt dieses Gleichgewicht.<\/p>\n<p>Dass \u00dcber alldem noch die Europ\u00e4ische Menschenrechtskonvention, die allen W\u00fcrde und Rechte garantiert, sollten wir jeden Tag aufs Neue dankbar bedenken.<\/p>\n<p>\u00d6sterreich hatte die Gnade, nach 1955 frei zu sein. Demokratisch und frei gew\u00e4hlte Regierungen zu haben. Meinungsfreiheit. Rechtsstaatlichkeit. Zeigen wir nicht mit Fingern auf unsere Freunde, die diese Freiheiten erst seit k\u00fcrzerer Zeit genie\u00dfen d\u00fcrfen. Erheben wir nicht den Zeigefinger. Stattdessen sollten wir ihre Geschichte, die immer eine gemeinsame Geschichte mit uns ist, lernen. Verstehen. Ihre Bed\u00fcrfnisse kennenlernen. Urlaub dort machen. Sightseeing in den osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern. Gemeinsame Wurzeln wiederentdecken. Dortige Sprachen erlernen. Gelebte V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung.<\/p>\n<p><em>Stefan Hab\u00f6ck ist Internationaler Referent der<a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/paneuropabewegung\/\" target=\"_blank\"> Paneuropa-Bewegung \u00d6sterreich.<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie Geschichtsvergessenheit den Blick auf die echten Bed\u00fcrfnisse unserer osteurop\u00e4ischen Nachbarn tr\u00fcbt \u2013 und wieso unsere Priorit\u00e4ten falsch gesetzt sind. 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