Die Anfänge

„Das kontinentale Europa von Portugal bis Polen wird sich entweder zu einem Überstaate zusammenschließen oder noch im Laufe dieses Jahrhunderts politisch, wirtschaftlich und kulturell zugrunde gehen.“

Diese Worte schrieb Richard  Coudenhove-Kalergi 1922 in einem Artikel in der „Neuen Freien Presse“. Er wollte damit die Staatsmänner Europas aufrütteln, das Echo blieb jedoch vorerst aus. Der junge Coudenhove-Kalergi (Jahrgang 1894) zog sich daraufhin zurück, um seine Idee in einem Buch zu formulieren.

1923 erschien dann „Pan-Europa“: Es zeigt die Gefahren, analysiert die Lage, beschreibt Alternativen und fasst in präzise formulierten Thesen alle wichtigen Argumente für die europäische Einigung zusammen. Gleichzeitig rief Coudenhove-Kalergi zum Beitritt zur Paneuropa-Union als Sammelbewegung aller Europäer auf.

1962 Kongress Seipel

Ignaz Seipel bei der Eröffnung des ersten Paneuropa-Kongresses am 3. Oktober 1926 im Wiener Konzerthaus

Graf Richard Nikolaus von Coudenhove-Kalergi

Der bis dahin unbekannte Privatmann gewann die Unterstützung führender Politiker: Bundeskanzler Prälat Ignaz Seipel und Bundespräsident Karl Renner in Österreich, Reichstagspräsident Paul Loebe und Gustav Stresemann in Deutschland, die Ministerpräsidenten Edouard Herriot und Leon Blum in Frankreich, Minister Leo Amery und Duff Cooper in England, und viele mehr.

Der wohl wichtigste Förderer in den Anfangsjahren war der österreichische Bundeskanzler Ignaz Seipel. Er übernahm den Vorsitz des österreichischen Komitees und stellte dem Zentralbüro der Bewegung in der Wiener Hofburg Räume zur Verfügung. 1926 fand dann der erste Paneuropa-Kongress in Wien statt: Mehr als 2000 Teilnehmer aus 24 Nationen ließen Paneuropa zu einem Synonym für die friedliche Einigung und Entwicklung des Kontinents werden.

Höhepunkt und Fall

„Ich denke, dass unter den Völkern, die geographisch zusammen gehören wie die Völker Europas, eine Art föderatives Band existieren muss“ Aristide Briand

1926 übernahm der französische Außenminister Aristide Briand das Ehrenpräsidium der Paneuropabewegung. Coudenhove-Kalergi forderte ihn wiederholt und immer dringender auf, Paneuropa endlich auf die Tagesordnung der staatlichen Politik zu setzen. Am 5. September 1929 war es endlich soweit: Briand schlug in seiner berühmten Rede vor dem Völkerbund die Schaffung von „einer Art föderativem Band“ zwischen den europäischen Nationen vor.

Diese „Europäische Union“, deren Mitgliedschaft nur europäischen Staaten offenstehen sollte, die Mitglieder des Völkerbundes waren, sollte ein Zusammenschluss von Staaten sein, die koordiniert und unter der Schirmherrschaft des Völkerbundes handeln. In der Praxis hätte dies die Schaffung eines „Binnenmarktes“ bedeutet, der die europäischen Volkswirtschaften durch eine „Zollunion“ näher zusammenbringen sollte.

Es war dies der glanzvolle Höhepunkt der proeuropäischen Kampagne der Zwischenkriegszeit und gleichzeitig ihr Schlusspunkt: England lehnte den Plan ab, Deutschland änderte nach dem Tod von Gustav Stresemann seine Haltung, und auch die französische Politik verfolgte die Initiative aufgrund der allgemeinen Entwicklung nur mit halbem Herzen.

Aristide Briand, mehrfacher Premierminister und dann Außenminister von Frankreich, setzte sich auf Coudenhove-Kalergis Anstoß für ein vereintes Europa ein

1930 wurde das Briand-Memorandum am Vorabend des zweiten Paneuropa-Kongresses, der zu seiner Unterstützung nach Berlin einberufen wurde, veröffentlicht. Dort wurde der Plan noch einmal in tieferem Detail erörtert. Doch das Memorandum kam zu spät: Seit dem Börsenkrach von 1929 hatte die Politik der vorsichtigen Öffnung auf allen Seiten ein Ende gefunden. Sie wurde ersetzt durch Nationalismus und Zölle, den Vorboten eines drohenden weiteren Krieges.

„Stalin bereitet den Bürgerkrieg vor – Hitler den Völkerkrieg“, warnte Richard  Coudenhove-Kalergi auf dem dritten Paneuropa-Kongress 1932 in Basel.

Coudenhove-Kalergis Werke waren nach der Machtergreifung Hitlers verboten

Gegen roten und braunen Totalitarismus

Zu den erbittertsten Gegnern der paneuropäischen Bestrebungen zählten die faschistischen Bewegungen. Briands Europa-Memorandum verhöhnte der „Völkische Beobachter“ am 20. Mai 1930 als „Rattenfänger-Denkschrift“. Und die Paneuropa-Idee bezeichnete Hitler als „Ideal aller minderwertigen oder halbrassischen Bastarde“. Ein Ausdruck, der zum Titel einer späteren Coudenhove-Kalergi Biografie wurde.

Coudenhove-Kalergi selbst kämpfte weiter – ungeachtet der steigenden Widerstände und dahinschwindender Unterstützung. Doch der Charakter seiner neuen Kampagne hatte sich grundlegend geändert: Nicht mehr Offensive für die Verständigung zwischen Deutschen und Franzosen, sondern Defensive gegen die wachsende rote und braune Flut.

Sofort nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde die Paneuropa-Literatur verboten und die deutsche Paneuropa-Union aufgelöst. Die Unterstützung durch die deutsche Industrie fiel aus. Zugleich verlor Coudenhove-Kalergi die Unterstützung linksintellektueller Mitstreiter, die ihre Hoffnungen im Kampf gegen Hitler auf die Sowjetunion richteten, während der Paneuropa-Präsident seine Ablehnung des Kommunismus nicht widerrief, sondern noch verschärfte.

Die Tätigkeit der Paneuropabewegung konzentrierte sich nun im wesentlichen auf Frankreich, die Tschechoslowakei und Österreich. Die Selbständigkeit Österreichs im Rahmen einer mit Italien und Frankreich verbündeten Donauföderation zu erhalten, war das Ziel aller größeren Aktivitäten zwischen 1933 und 1938.

Mit dem Einmarsch Hitlers in Wien kam im März 1938 das Ende. Coudenhove ging erst in die Schweiz, dann in die USA ins Exil. Dort bemühte er sich gemeinsam mit Otto von Habsburg um eine parteiübergreifende österreichische Exilregierung. Ein Versuch, der an der Ablehnung der überwiegend zu Groß-Deutschland tendierenden Sozialisten scheiterte.

Im Exil

Durch seine antisowjetische Haltung und Parteinahme für Österreich zog er sich die Gegnerschaft des Beneš-Exils und aller „fellow traveller“ der Kommunisten zu. Den Einfluß dieses Lagers bekam er durch Intrigen und sonstiges Störfeuer bei der Vorbereitung des fünften Paneuropa-Kongresses 1943 in New York zu spüren. 1946 aus dem amerikanischen Exil zurückgekehrt, stellte Coudenhove-Kalergi fest, dass nach zwei schrecklichen Weltkriegen endlich die Bereitschaft für einen europäischen Neubeginn erwacht war. Coudenhove-Kalergi beriet den  britischen Premierminister Winston Churchill bei der Vorbereitung  seiner aufsehenerregenden Zürcher Rede, in der er die Errichtung der Vereinigten Staaten von Europa und eine Aussöhnung Frankreichs mit Deutschland forderte. Sie gilt heute als “Startschuss der europäischen Einigung”.

Die Union der Parlamentarier

Da die Alliierten es versäumt hatten, ein Parlament als Grundstein der neuen Ordnung im westlichen freien Europa einzuberufen, holte Coudenhove dies in privater Initiative nach: So entstand die Europäische Parlamentarier-Union. Auf ihrem Kongreß in Gstaad 1947 forderte die Europäische Parlamentarier-Union die Einberufung einer Europäischen Parlamentarischen Versammlung, eine Forderung, die von der Europäischen Bewegung auf dem Haager Kongreß 1948 übernommen wurde.

Die Kampagne der Europäischen Parlamentarier Union war erfolgreich: Sie erreichte, dass der 1949 gegründete Europarat nicht nur aus einem Ministerrat bestand, sondern ihm als zweites Organ eine Beratende Parlamentarische Versammlung zu Seite gestellt wurde. Damit hatte die Geschichte des europäischen Parlamentarismus begonnen. Doch ihr weitergehendes Ziel der Verabschiedung einer föderativen Verfassung (dargelegt im sogenannten Interlaken-Plan 1948) scheiterte am Einspruch Großbritanniens und der mangelnden Entschlossenheit der kontinentalen Parlamente. Coudenhove-Kalergi zog daraus die Konsequenz und plädierte für ein Beginnen ohne Großbritannien, ein Europa der Sechs, das er Karlsbund nannte. Im Jahr 1950 sprach die Stadt Aachen dem Vater der Paneuropa-Idee ihren ersten Internationalen Karlspreis zu.

Paneuropa mehr als nur EWG

Coudenhove-Kalergie widmete sich nun der Neubelebung der Paneuropa-Union als Avantgarde der europäischen Patrioten. Nach einem ersten Anlauf 1952 in Lausanne wurde die Neugründung mit dem sechsten Paneuropa-Kongress in Baden-Baden 1954 vollendet. Die Paneuropa-Union vereinte diejenigen Europäer, die die Entwicklung der europäischen Integration in den fünfziger Jahren bejahten, aber kritisch begleiteten. Die Einseitigkeit des nur wirtschaftlichen Zusammenschlusses und die Ideologie des technokratischen Funktionalismus lehnten die Paneuropäer ab. So sehr sie die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) begrüßten, mahnten sie doch deren baldige Ergänzung durch außen- und sicherheitspolitische Aspekte ein.

Beim achten Paneuropa-Kongress in Bad Ragaz in der Schweiz wurde Otto von Habsburg in den Zentralrat der Paneuropa-Union gewählt. Bald darauf wurde er einer der Vizepräsidenten und von Coudenhove-Kalergi als späterer Nachfolger im Amt des Präsidenten vorgeschlagen. Mitte der sechziger Jahre zog sich Coudenhove-Kalergi immer mehr aus dem politischen Tagesgeschäft zurück. 1965 verlegte er das Generalsekretariat nach Brüssel, wo sich Vittorio Pons, damals Berater der EG-Kommission, um die Geschäfte kümmerte, während Otto von Habsburg mit seinen Vorträgen die Säle füllte. Nach dem Tod Richard  Coudenhove-Kalergis am 27. Juli 1972 übernahm Otto von Habsburg die Führung der Internationalen Paneuropa-Union.

Mitgliederbewegung mit christlich konservativem Profil

Seit der Mitte der siebziger Jahre ging man verstärkt den Weg einer Mitgliederbewegung mit christlich-konservativem Profil. Von den etablierten Parteien der Linken und der Mitte angefeindet oder nur belächelt, wurde der im Satz „Paneuropa ist ganz Europa“ formulierte Grundsatz immer mehr zum erklärten Ziel der Bewegung. Hatte man sich in den Staatskanzleien des Westens mit dem Eisernen Vorhang bereits abgefunden, hörte die Paneuropabewegung nicht auf, sich für die Freiheit Mittel- und Osteuropas einzusetzen. So wie die Bewegung unter Coudenhove-Kalergi in der Zwischenkriegszeit sich gegen den braunen Totalitarismus stellte, widersetzte man sich unter Habsburg dem roten Totalitarismus der Sowjetunion und ihrer Verbündeten. Die Unterstützung von Untergrundbewegungen in den Ostblockstaaten gehörte genauso zu dieser Politik wie beispielsweise die Initiative zur Aufstellung eines leeren Stuhls für die Völker Mittel- und Osteuropas – als Zeichen ihrer Zugehörigkeit zu Europa – im Europaparlament in Straßburg. Es war dann auch das Paneuropäische-Picknick an der österreichisch-ungarischen Grenze am 19. August 1989, das den Eisernen Vorhang durchbrach. Erich Honecker „beschuldigte“ in einem seiner letzten Auftritte als DDR-Chef Otto von Habsburg und seine Paneuropabewegung am Zusammenbruch des Sozialismus schuld zu sein.

1922

Gründungsjahr

1926

Erster Paneuropa Kongress in Wien

1989

Paneuropäisches Picknick

Schwerpunkt Mittel- und Osteuropa

Nach der friedlichen Revolution von 1989/1990 begann die Herausführung bestehender Untergrundgruppen in den nun freien Länder Mittel- und Osteuropas in die Legalität, bzw. der Aufbau neuer Paneuropa-Gruppen. Heute gibt es Länder-Organisationen der Internationalen Paneuropa-Union in faktisch allen Staaten Europas. Die Einbeziehung der Staaten Mittel- und Osteuropas (die sogenannte Osterweiterung) in die Europäische Union stellt einen der Arbeitsschwerpunkte dar.

EU UA Symbol

Geopolitisches Europa

Was in der institutionellen europäischen Zusammenarbeit nach wie vor fehlt, ist der geopolitische Ansatz, mit dem die Paneuropa-Union vor mehr als 100 Jahren gegründet wurde. Die großen Herausforderungen vor denen Europa steht, machen es aber notwendig, mit einer klaren Strategie für ein geopolitisches Europa zu arbeiten. Es ist eine Achse des Bösen, die sich gegen europäische Werte wie Freiheit, Demokratie, Marktwirtschaft, Rechtsstaatlichkeit stellt. Um diese Grundwerte, die Europa groß gemacht haben, zu sichern, muss das Vereinte Europa – Paneuropa – ein geopolitisches Europa werden.

Die Grundsätze dafür und konkrete Forderungen dazu wurden zum einhunderten Jubiläum des ersten Paneuropa-Kongresses 1926 in der „Wiener Erklärung für ein starkes Europa“ formuliert.